BLICKPUNKTNATUR

Igel-Tagebuch

Wie fünf Igelbabys unseren Tagesrhythmus kräftig aus dem Gleichgewicht brachten.

Der erste Kontakt

Am Samstag, den 23. August 2008 meldet sich ein Mitbewohner der Straße „Am Zimmerplatz“ mit dem Fund von fünf Igelbabys in seinem Garten. Der Fundort liegt unter einem Holzstapel. Das Igelnest aus überwiegend Heu und Blättern ist auseinandergezerrt; die Igel liegen unbedeckt in ihrem Versteck. Zwei der Tiere hat der Nachbar hilflos kriechend in der Nähe ihres Unterschlupfes gefunden. Die Tierchen fühlen sich kalt an!
Es liegt der Verdacht nahe, dass der Igelmutter etwas zugestoßen ist.
Trotzdem ist umsichtiges Handeln angesagt. Wir beschließen den stacheligen Nachwuchs zunächst im Nest zu lassen. Eine Schale mit Katzenfutter wir neben der Fundstelle aufgestellt.

Am nächsten Morgen

Es herrscht regnerisches und kühles Wetter. Hoffentlich haben die Igel die Nacht überstanden!?
Die Inspektion zu früher Stunde bestätigt die Befürchtungen des Vortages. Die Jungigel sind offensichtlich zu Waisen geworden. Das Futter ist nicht angerührt und die Igelchen sind eisig kalt, aber sie leben noch. Nach vorangegangenem eifrigem Studium verschiedener „Igelhilfen“ im Internet beschließen wir zunächst für Wärme zu sorgen. Eine Wärmflasche wird unter die Kleinen geschoben. So versorgt warten wir nochmals etwa zwei weitere Stunden ab. Die Mutter taucht nicht mehr auf!
Gegen Mittag entschließen wir uns die Igelbabys an uns zu nehmen. Durch den Einfluss der Wärme sind die „Minis“ wieder lebendiger geworden. Mangels geeignetem Futter und den Anweisungen der Igelhife-Literatur folgend geben wir zunächst nur Flüssigkeit, Fencheltee, mit einer Spritze + Fahrradventilschlauchaufsatz verabreicht, danach gebackenes Ei ohne jegliche Zugaben. Obwohl Sonntagmittag wird der Kontakt zu ortsansässigen Tierärzten gesucht – vergebens!
Die Flüssigkeitsgabe funktioniert. Bei weiterer Wärmezufuhr und anschließender Verabreichung eines „Tee/gebackenem Ei“ -Gemisches scheinen sich die Igelchen zu erholen. Die meiste Zeit ist allerdings schlafen angesagt. Das Laufen fällt noch schwer; dafür sind sie zu schwach und vermutlich allgemein noch zu klein. Die Waage verrät „Eingangsgewichte“ zwischen etwa 70 und 90 Gramm. Das Alter der Jungen dürfte bei drei Wochen liegen.
Gegen Abend gelingt es eine Tierärztin zu erreichen. Sie kann uns mit Hundewelpenmilch helfen. Die Nahrung wird sofort geholt und den Tierchen die erste Portion verabreicht. Fünf Gramm pro Igel sind genug. Diese Ration soll mindestens fünf Mal über den Tag verteilt gegeben werden. Am ersten Tag ihres Daseins bei uns bekommen sie die letzte Mahlzeit gegen 23 Uhr. Dann ist allgemeine Bettruhe angesagt.


Der zweite Tag

Wir haben den Wecker eine Stunde früher als sonst üblich gestellt. Gespannt nähern wir uns der großen Pappkiste, in dem wir die Igelchen in einem provisorischen Heu-Nest + Wärmflasche darunter unterbracht haben. Alle leben noch. Verschlafen bekommen sie ihr Fläschchen gereicht. Die Fütterung dauert fast eine Stunde, aber alle nehmen ihre Fünf Gramm-Ration auf. Ein gutes Zeichen!. Danach geht es für die Igel wieder ins Bett, für uns aber zur Arbeit. Notgedrungen müssen die Stacheltiere mit. Monika übernimmt die erste Schicht. So lernen die Igel entzückte Kindergarten-Kinder kennen. Auf „Igelseite“ herrscht ziemliches Desinteresse an den vielen neuen Eindrücken.
Den begonnen Fütterungsrhythmus halten wir bei – fünf Mahlzeiten pro Tag, etwa alle drei Stunden gegeben; bei jeweils fast einer Stunde Arbeit gerät da Einiges aus den Fugen.


Schnelles Wachstum

Die Fütterung geht besser vonstatten als wir erwartet hatten. Es ist zwar eine Menge Arbeit, aber es macht auch Spaß. Die fünf Igelchen unterscheiden sich hinsichtlich der Größe etwas. Vier sind ungefähr gleich groß; ein Nesthäkchen ist deutlich kleiner. Ihn nennen wir „Krümel 5“. „Krümel 1“, der stärkste unter den lustigen Gesellen, versucht sich neben dem Fläschchen schon an dem anschließend auf einem Tellerchen gereichten Katzenfutter.
Nach jeder Fütterung bekommen die jungen Igel den Unterbauch mit warmem Wasser einmasiert; dies fördert die Verdauung. Es funktioniert tatsächlich – Die natürliche Hinterlassenschaft ist eine grünliche Pampe; gemäß Literatur ist dies normal!
Gut versorgt wachsen die Jungtiere erstaunlich schnell. Schon nach zwei bis drei Tagen werden sie stabiler auf den Beinchen und marschieren schon recht flott durch ihre Behausung. Auch die Fütterung wird deutlich einfacher, weil wir nur noch dem jüngsten Fläschchen geben müssen. Die anderen nehmen eifrig Katzenfutter, vermischt mit Welpenmilch im Schälchen auf.
Außer dieser Fertigkost beginnen wir mit Beigaben natürlichen Futters. Regenwürmer sind scheinbar eine Delikatesse. Nach jedem Wurm würgen die Jungigel Speichel aus und schmieren sich diesen in ihr Stachelkleid; eine natürliche Verhaltensweise?


Erster Ausflug „Ins Grüne“

Um die Jungigel schon frühzeitig an die spätere Freiheit zu gewöhnen, unternehmen wir bereits nach einer Woche Aufenthalt bei uns einen Ausflug in einen nahe gelegenen Wald. Dort sind auch einige Fotos von den kleinen in natürlichem Umfeld geplant. Deshalb nehmen wir Katzenfutter mit, welches an speziellen Stellen gefressen werden soll. Diese Übung misslingt gründlich, denn die Igel denken nicht daran in Freiheit das mitgebrachte Futter anzunehmen. Sobald ein Tierchen auf den Boden gesetzt wird, nimmt es direkt Reißaus. In sicherer Entfernung werden Blätter umgedreht und dabei auch Fressbares entdeckt (Würmer, Raupen, Käfer). Der Igelnachwuchs legt also instinktiv ein völlig natürliches Verhalten an den Tag, auch wenn er vorher nur Ersatznahrung bekommen hat!
Zurück im Karton wird dann auch gerne wieder Katzenfutter gefressen. Danach verkriechen sich alle in das in einer Kartonecke angelegte Heunest um den spannenden Ausflug schlummernd zu verarbeiten.
So kehren wir ziemlich erstaunt, mit wenigen Bildern, aber mit mehr Wissen nach Hause zurück.


Gewöhnung an das Gartenumfeld

Zur Gewöhnung der Igel ans Freie bauen wir aus eigentlich für die Pflasterung einer weiteren Hoffläche vorgesehenen Ziegelsteinen ein Außengehege auf einer Garten-Grasfläche. Fünf Steinreihen übereinander, die oberste Reihe nach innen auskragend, sollten reichen, um die Igel an dem „Ausbrechen“ zu hindern, was sich wenig später als Trugschluss herausstellen sollte, denn die Igel können hervorragend klettern!
Für einen unkontrollierten Freigang scheinen uns die Jungen noch zu klein. Sie sollen nur den Tag und die Dämmerung im Freien verbringen. Nachts ist eine sichere Unterbringung im Haus vorgesehen.
Die Größe unseres Bauwerkes beträgt etwa 4 m2. Im Innenraum werden zwei mit Heu ausgepolsterte Igel-Kuppeln aufgestellt; dort können sich die Jungigel bei Bedarf verkriechen.
In den Behausungen verbringen unsere Pfleglinge die meiste Zeit des Tages, wie wir bald feststellen werden. Abends werden sie erstaunlich munter und suchen das Gehege nach allem Fressbaren gründlich ab. Außer Katzenfertig- und Igel-Trockenfutter bekommen die Tiere auch Regenwürmer, Käferlarven und kleine Schnecken geboten. Alles wird gefressen; es ist erstaunlich, wie viel Nahrung die kleinen Kerle aufnehmen können.

Mit zunehmendem Alter werden die Igel immer scheuer. Kommen sie erst noch beim Hören unserer Stimmen ins Freie, erscheinen sie bald nur noch in der Dunkelheit.
Nach gut zwei Wochen bleiben die Pfleglinge, mittlerweile schon zu stattlichen Kleinigeln herangewachsen, ganz, auch nachts im Freien. Zum Schutz gegen Regen decken wir noch Schalbretter über die Schlafgehäuse.

Wie aus vier Igeln sechs werden

Recht erstaunlich für uns ist, dass die Jungigel in der Regel alle in einem Nest schlafen und sich gegenseitig wärmen; von dem Einzelgängerwesen der Stacheltiere ist noch nichts zu spüren. Auch das Futter wird redlich geteilt.
Im Alter von ca. 8 Woche wiegen die Jungigel, bis auf „Krümel 5“, schon über 500 Gramm. Gute Voraussetzungen um bald in die Freiheit entlassen zu werden.
Dass Igel gut klettern können ist bekannt. Eines Morgens, beim Durchzählen der Meute, fehlt einer unserer Pflegegäste. Als ich mit Futter aus dem Haus zurück kehre, kommt der Ausbrecher, „Krümel 4“, unter einer Plastersteinpalette hervorgekrochen; der Duft von frischem Katzenfutter hat ihn wohl zum Verlassen seines Versteckes veranlasst.
Unser Ausbrecher ist auch am nächsten Abend in der Gruppe wieder gut auszumachen. Er versucht eifrig die Steinwand seines Geheges zu überwinden. Vermutlich hat er den Ausbruch an der Stelle zwischen den Steinen und einer zu nahe am Rand der Umzäunung stehenden Igelkuppel geschafft. Hier kann Abhilfe geschaffen werden.
Zwei Abende später sind es zunächst wieder nur vier; trotz Abrücken der Kuppel von der Gehegewand hat einer das Hindernis überwunden. Mit Taschenlampe gehe ich die Gegend in der Nähe des Geheges absuchen. Tatsächlich finde ich einen Jungigel unweit unseres Grundstückes. Nur scheint mir dieser etwas größer als die Exemplare unsere Rasselbande, und er igelt sich sofort ein. Dieser Igel gehört nicht zu unserer Gruppe! Vorsorglich kommen die vier anderen nochmals in ihre Pappkiste und zur Sicherheit für diese Nacht in die Garage, auch um das Gehege zu öffnen und so dem Ausbrecher die Rückkehr in eine Igelkuppel zu ermöglichen.
Der neu gefundene Igel kommt zu den anderen. Was nun passiert ist wieder erstaunlich. Die Insider sind wie verrückt auf seine Stacheln. Begierig lecken sie den Neuankömmling ab und verrenken sich anschließend, um den mit fremdem Geschmack angereicherten Speichel ins eigene Fell zu schmieren. Zur Sicherheit nehmen wir den fremden heraus, um ihn in eine andere Kiste zu verfrachten. Dort bekommt er Katzenfutter und frisches Wasser, welches er aber nicht anrührt.
Am nächsten morgen ist der erste Gang zum Igelgehege. Beim Drehen der ersten Kuppel traue ich meinen Augen kaum. Der „Urlauber“ ist tatsächlich wieder zurück. Friedlich schlummert „Krümel 4“ in seinem alt bekannten Versteck. So sind aus abends vier bis zum nächsten Morgen sechs Igel geworden.
Den Außenseiter lassen wir selbstverständlich auf der Stelle wieder frei.


Rückkehr in die Freiheit

Das Erlebnis macht uns darauf aufmerksam, dass es Zeit wird, die Igel in die Freiheit zu entlassen, schließlich wiegen sie mittlerweile um die 800 Gramm, außer „Krümel 5“.
An drei verschiedenen anderen Stellen, im Kindergarten der Igelpflegemutter Monika, bei einem jungen Naturfreund in einem Nachbardorf und in einem Baumschulgarten am Waldrand werden mit Bekannten und Freunden Quartiere hergerichtet, um den Igeln hier, nach einigen weiteren Tagen der Gewöhnung innerhalb einer Drahtumzäunung, die Freiheit durch Öffnen der Behausungen zu schenken.
Zwei Kameraden, „Krümel 4 und 5“ bleiben bei uns. „Krümel 4“ geht eh schon seine eigenen Wege. Regelmäßig kommt er abends zum außerhalb des Steingeheges bereit gestellten Futternapf.
Auch für „Krümel 5“ ist die Zeit der Selbstständigkeit nach einigen weiteren Tagen gekommen. Der Steinwall wird am Abend geöffnet und der kleinste der fünf Waisen kann nun die Gegend erkunden.


Abruptes Ende

Die ersten Tage, besser gesagt die ersten Nächte nach dem ersten Freigang kommen alle Igel regelmäßig zurück zum angebotenen Fressen. Auch schlafen sie die ersten Tage noch in den bereit gestellten Igel-Kuppeln. Dies gilt auch für die beiden bei uns zu Hause zurück gebliebenen Tiere, „Krümel 4 und 5“. „Krümel 5“ hat es sich zwischenzeitlich in einem von uns angelegten großen Heu-und Blätternest unter einer ans Haus angelehnten Garteneckbank gemütlich gemacht. Aber auch er findet bald ein neues zu Hause für den bevor stehenden Winterschlaf.
Pünktlich Ende Oktober, mit den ersten kalten Nächten ist das Gastspiel urplötzlich zu Ende. Die gefüllten Fressnäpfe bleiben unangetatstet stehen. Die Igel haben sich vermutlich zum Winterschlaf zurück gezogen.
Gespannt blicken wir auf das kommende Frühjahr, in der Hoffnung unsere Pfleglinge wohlauf wieder in unserem Garten begrüßen zu können.


Monika und Helmut Weller, im November 2008.


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